Adé Millennium

Zumindest in Buchform.

Nach der Lektüre des zweiten Stieg Larsson Romans »Verdammnis« habe ich beschlossen, den dritten nicht mehr zu lesen. Das Ende dieser Trilogie werde ich mir allerdings in den beiden Filmversionen (der schwedischen und der noch kommenden amerikanischen) ansehen.

Worum geht es in »Verdammnis«? Ein Journalist bietet der Millennium-Redaktion eine Story über Mädchenhandel an. In Verbindung zu einer Doktorarbeit seiner Lebensgefährtin, die Kriminologie studiert, soll sowohl ein Buch als auch ein Exklusivbericht für das Monatsblatt gebracht werden.

Bevor alles unter Dach und Fach ist, wird das Pärchen tot aufgefunden. Ebenfalls tot ist der Anwalt Nils Bjurman, der als Lisbeth Salanders Vormund fungierte. Und alle Indizien deuten darauf hin, dass Lisbeth Salander die Mörder aller drei ist.

Nur einer glaubt an Lisbeths Unschuld: Mikael „Kalle“ Blomkvist. Langsam setzen sich die Puzzleteile um Lisbeths Vergangenheit zusammen, und was am Ende herauskommt, klingt genauso haarsträubend wie plausibel.

Nach allen Beteuerungen meiner Kollegin Sandra, dass es besser werden würde, bin ich dran geblieben. Doch auch der zweite Roman Stieg Larssons hebt sich förmlich selbst aus den Angeln. In endlosen Vorstellungen von Protagonisten (die am Ende des Buches die Zahl 40 überschreiten!) kaut Larsson dem Leser ein zähes Schnitzel vor. Wie bereits in einem anderen Blogartikel erwähnt, nimmt er sich Zeit, das Sexualleben seiner Protagonisten eingehend zu beleuchten, ohne es dabei wirklich zu beschreiben. Das Ganze liest sich, als hätte er die Notizen, die er sich irgendwann mal zu jedem Darsteller gemacht hat, einfach herunterschreiben, damit sie um jeden Preis im Roman vorkommen.

Dabei wurde das Meiste davon bereits in Verblendung, dem ersten Roman, geschildert. Wir wissen, dass Mikael ein Frauenheld ist und nichts anbrennen lässt und mit jeder was anfängt, die nicht bei drei auf dem Baum ist. Wir kennen das Dreiecksverhältnis von ihm, Erika Berger und deren Mann. Wir wissen, wie bisexuell Lisbeth ist – immer und immer wieder wird das aus jeder Perspektive durchgekaut, ohne wirklich auch nur einen kleinen Anteil zu der Story an sich beizutragen.

Die Wiederholungen häufen sich. Was auf Seite X steht, wird auf Y erneut angerissen. Und ehrlich gesagt, ich konnte kaum mehr mitzählen, wie oft sich die Protagonisten „ein paar Brote“ gemacht haben.

Die Story an sich … ist eigentlich ganz gut und spannend zu lesen, würde sie nicht jedes Mal durch ausschweifende Beschreibungen unterbrochen werden. Was für Verblendung galt, gilt auch weiterhin für Verdammnis: Ein Straffen der Handlung und Kürzung des Romans um 300 Seiten auf knapp 350 Seiten hätte aus der Geschichte einen wahren Pageturner machen können. Zumindest für mich.  So aber bleibt ein sehr schaler Nachgeschmack nach der Lektüre, der mich bewogen hat, der Story in anderer Form weiterzufolgen.

Dass es Stieg Larsson nicht geschafft hat, nach 750 Seiten zum Ende zu kommen, grenzt auch bereits an eine Frechheit. So endet Verdamnis mit einem Cliffhanger, statt einen runden Abschluss (zumindest für das Buch) zu bilden (wie in Verblendung geschehen, denn dort war der Fall abgeschlossen).

Völlig aus den Augen zu haben scheint Larsson den Eingangsfall auf Grenada. Hier beobachtet Lisbeth während ihres Urlaubs einen Touristen mit seltsamen Verhalten, der nachts eine Frau misshandelt und tagsüber an der Küste steht und scheinbar auf etwas wartet. Hierauf geht Larsson im verlauf des Romans nicht mehr ein. Welchen Sinn das ganze Grenada-Kapitel wirklich für die Story hatte, ist mir nicht klar. Dieser Handlungsstrang wurde in der Filmfassung auch unter den Tisch fallen gelassen. Einen Recherchefehler begeht Larsson auch, als er Lisbeth darüber nachdenken lässt, dass ein Tornado über dem Meer unmöglich sei und es sich bei dem Twister über dem Ozean vor Grenada um ein einzigartiges Naturphänomen handele. Tornados können allerdings sehr wohl auf dem Wasser entstehen.

Noch ein Wort zum Bösewicht: Ronald Niedermann leidet unter einem genetischen Defekt, der seine Nervensynapsen für Schmerzsignale unempfindlich macht. Er steckt Schläge, gebrochene Rippen und einen Tritt in den Schritt weg, weil er kein Schmerz empfindet.

Bei der finalen Begegnung mit Lisbeth Salander versetzt diese ihm mit einem Elektroschocker eine Ladung, ohne dass Niedermann darauf reagiert. Larsson begründet das damit, dass Niedermann keinen Schmerz empfindet – der zugefügte Elektroschock verursacht jedoch nicht nur Schmerzen, sondern sorgt in erster Linie zu einer Überlastung und dadurch Lähmung des gesamten sensorischen und motorischen Nervensystems. Das heißt, auch ohne Schmerzempfinden hätte Niedermann einfach zusammenklappen müssen, weil sein Nervensystem nicht mehr dazu in der Lage war, grundlegende Informationen weiterzuleiten.

Verdammnis

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2 Kommentare zu “Adé Millennium

  1. Jake 19. Dezember 2010 um 02:35 Reply

    Kaffee und zwei Brote in der Lundagatan, dann rüber zur Götagatan und ein bisschen schnackseln… Ich hätte besser nach der hundertsten solchen Szene auch aufgegeben. Es ist besser, Teil 3 auszulassen. Der ist nämlich noch schlimmer, führt noch mehr sinnlose Charaktere ein, hat noch weniger Handlung und noch viiel viel mehr dieser endlosen Wiederholungen.

    • Martin Kay 19. Dezember 2010 um 12:12 Reply

      Du hast sowas von Recht. Inzwischen habe ich mir den 3. Teil auf Video angesehen. Das hat auch völlig gereicht.

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